Weil ein Kaffee tatsächlich nur ein Kaffee ist

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Ich sitze auf meinem Bett und befinde mich im akuten Deadlinestress. Ausgerechnet an dem Morgen fällt mein Internet aus. Und zwar im Fünf-Minuten-Takt.

Hilft nichts. In schöner Regelmäßigkeit darf ich mich aus meiner mullig weichen Kissenwelt quälen, um den Router neu zu starten, weil ich meine Rechercheseiten nicht aufrufen kann. Nach dem dritten Mal kann ich mir ein lautes Fluchen nicht mehr verkneifen.

Ich hatte von Anfang an Schwierigkeiten mit diesem Anbieter. Ich bin sicher, bei deren Kundenservice blinkt der Bildschirm rot und ein Alarm geht an, wenn meine Nummer auf deren Display erscheint, so oft hab ich da schon angerufen, um mich von Inkompetenzwellen überrollen zu lassen.

– „Also bei uns ist vermerkt, es funktioniert.“ – „Aber ich steh doch hier und seh, dass es nicht funktioniert! Ihr Techniker steht neben mir, auch der sieht es.“ – „Da kann ich jetzt nichts machen, bei uns im System…“ Argh! Um das Ganze abzukürzen: Unser Verhältnis ist nicht das Beste.

An besagtem Tag jedenfalls – ein Donnerstag – hacke ich mit jedem Modemausfall fester auf die Tastatur meines Laptops. Diese Ausfälle halten mich auf und blockieren außer meinem Netzzugriff peu à peu meine Kreativität. Mein Blutdruck steigt.

Bevor ich ganz ausraste, nehm‘ ich mir Handy (das einzige Gerät, mit dem die digitale Welt noch erreichbar ist, danke 4G!), Kaffee und Zigarette (ja ja, schädlich, ich weiß; Kinder, fangt besser gar nicht erst an!) und setz‘ mich für eine Auszeit auf den Balkon. Wenigstens scheint die Sonne.

Dummerweise ist hier aber auch der Baulärm, der schon den ganzen Morgen von vor dem Haus durch die geöffneten Fenster in meine Komfortzone dringt, um gefühlt 1.000.000. Dezibel lauter, als drin. Meine Flüche werden lauter und beginnen sich zu häufen.

Ob ich vielleicht doch einfach erstmal duschen geh‘? Mit Pandaaugen ist Laptopanstarren eh nicht so prall. Da hilft auch die Brille nix. Also gut, ich geh erstmal duschen. Dafür brauch‘ ich wenigstens auch kein Internet. (Höchstens man zählt dazu, dass ich rausfinden wollte, warum mein Haus-und-Hof-Drogeriemarkt mein Lieblingsduschgel aus dem Sortiment genommen hat, aber das ist ’ne andere Geschichte.)

Ich stoß‘ also gerade meine letzten Flüche aus, während ich die Kaffeetasse (unsinniger Weise, denn ich hätt‘ sie später eh nochmal gebraucht) ins Spülbecken knall, da klingelt’s an der Tür.

Ehrlich gesagt, ich würde in diesem Lümmeloutfit und mit der Augenschminke vom Vortag sonst niemals nie irgendwem die Tür öffnen (außer DHL; und auch das nur, wenn ich ein Paket erwarte). Aber ich war so in mein Geätze über das Internet bzw. die Unfähigkeit meines Anbieters es am Laufen zu halten hineingesteigert, dass ich gar nicht darüber nachgedacht hab, dass ich gerade

mit Pandaaugen vom Allerfeinsten,
ungeduscht,
ohne BH,
im Schlaf-T-Shirt,
mit grantiger Laune und
unrasierten Beinen

die Tür aufmache. (Ein Glück neige ich nicht zum Stinken! Echt jetzt!)

Ich öffne also die Tür, vor mir stehen die zwei Herren, die für die morgendliche Dauerbeschallung durch welche Gerätschaften auch immer man eben braucht um Straßen aufzureißen verantwortlich waren.

„Wir müssen in den Keller“, sagt der Jüngere von beiden. Ich sag: „Ja, mach doch, die Tür is‘ offen.“ Er: „Ah, offen?“ Ich: „Ja“.

… Als ob ich nicht genervt genug wäre.

„Ich komm‘ gleich nochmal“, spricht’s und verschwindet in den Keller. Ich knall‘ unter genervtem Raunen die Tür zu.

Eigentlich wollte ich ja duschen gehen, aber gerade funktioniert das Netz wieder. Wenn ich also jetzt noch schnell den letzten Absatz dieses einen Artikels zu Ende schreib, kann ich ihn vielleicht gleich noch wegschicken?! Also, back to the laptop.

Ich sitz‘ noch nicht richtig, da klingelt’s wieder.

Ich hab‘ lang aufgehört, meine Flüche zu zählen. Schlepp mich zur Tür. Immer noch im feinsten Schlabberlook.

Davor besagter Bauarbeiter bzw. wie sich später herausstellte, Internetprovidertechniker. (Eine Nachbarin hatte eine Störung gemeldet; scheinbar herrscht beim Service eine Zweiklassenkundschaft; ich werd abgewimmelt, wegen ihr wird gleich die ganze Straße demontiert.) Ich sag‘ einfach schon gar nichts mehr, sondern schau ihn nur fragend an.

Wie aus der Pistole geschossen fragt er: „Magst Du türkische Küche?“
Ich bin ein bisschen verdutzt und antworte: „Den vegetarischen Teil davon schon, warum?!“

Es hatte ein bisschen was … Pornöses, dieses Szenario. Ich zumindest muss sofort an „Warum liegt hier Stroh?“ denken.

Lange Rede, kurzer Sinn, er lädt mich für Samstag zum Essen ein, ich geb‘ ihm meine Nummer. Ok. Warum auch nicht. Hässlich ist er ja nun nicht gerade.

Samstag nachmittags klingelt dann auch tatsächlich das Telefon. Mit unterdrückter Nummer. Na ja, ich hatte nicht mal wirklich damit gerechnet, dass er überhaupt anruft. Aber ich bin auch nicht anderweitig verplant, also verabreden wir uns für halb neun. (20:30 Uhr für die Nicht-Süddeutschen unter uns.)

Als er mich abholt war ich dann sogar geduscht und das Make-up frisch! Die Fahrt ist angenehm, sein Parfüm ein bisschen too much, aber das Gespräch überraschend interessant und ich denk so bei mir, dass das doch ein ganz vielversprechender Anfang sei.

Da wisch‘ ich auch den Gedanken weg, warum er wohl ohne Nummererkennung angerufen hat.

Bei einer Sache werde ich dann allerdings doch hellhörig. Er beschwert sich über Muslima mit Kopftuch in Hotpants. Hab ich noch nie welche gesehen, sag ich ihm auch so und außerdem, dass doch jeder nach seiner Fasson und so.

Wie sang schon die große Hildegard Knef dereinst? Von da an ging’s bergab.

Das Gespräch will den ganzen Abend nicht mehr so recht in Gang kommen, also erzähl‘ ich von meinen Auswandererplänen. Vielleicht auch ein klitzekleines bisschen, um ihn auf Distanz zu halten. Damit er sich keine allzu großen Hoffnungen macht.

Nach dem Essen, Shishabar. Ich rauch‘ die Dinger ja nicht, aber was soll’s. So vergeht der Abend dann doch noch. Zäh zwar, aber er vergeht.

Ich weiß nicht genau, was ich falsch (oder richtig, je nach Betrachtung) gemacht habe, aber auf der Heimfahrt greift er plötzlich nach meiner Hand. Händchenhalten? Echt jetzt?

Versteht mich nicht falsch, Händchenhalten ist super.

Mit der richtigen Person.

Wenn ich eins nicht mag, dann von Menschen angefasst werden, wenn ich nicht vorher signalisiert habe, dass es ok ist. Oder wenn mir der Mensch nicht ganz geheuer ist. Oder nicht sympathisch. Und gerade Händchenhalten erfordert ein Mindestmaß an Sympathie.

Wobei ich gar nicht sagen kann, dass er unsympathisch wäre. Aber eben auch nicht mehr. Und nicht die Art von „sympathisch“, die ich brauch, um mir mit gutem Gefühl die Hand streicheln zu lassen.

Irgendwie schaff ich’s nach ein paar Minuten, meine Hand wieder zu befreien.

Bei mir Zuhause angekommen find‘ ich dann schon wieder merkwürdig, dass er den Motor abstellt und den Schlüssel abzieht.

Meine Hirnhälften spielen Ping-Pong und befeuern sich mit einer Salve von panischen NEINs gegenseitig. Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein.

Ich versuch mich zu beruhigen und sag mir, dass er sich ja vielleicht auch nur höflich verabschieden will. Als ich vor ihm steh, will ich gerade artig „Danke“ sagen und ihm eine gute Heimfahrt wünschen, als er fragt: „Darf ich noch mit rein kommen?“

NEIN!

Denk ich.

Und sag: „Wozu?“

Und er: „Einen Kaffee?“

Und weil zwei und zwei vier macht, sag ich: „Aber auch wirklich nur einen Kaffee.“

Warum hab ich nicht einfach Nein gesagt?

Glaubt er wirklich, ich schulde ihm jetzt was, weil er mich zum Essen eingeladen hat? Den Eindruck vermittelt er mir zumindest.

Wir also rein und mein erster Weg führt mich tatsächlich in die Küche. Er wollte Kaffee, er kriegt Kaffee. Und zwar nur Kaffee.

Warum dauert das heut so lang mit dem Kaffee? Der ist doch sonst schneller fertig?

Ich steh am Herd und starre den Kaffeekocher an. Vielleicht in der Hoffnung ihn mittels telepathischer Fähigkeiten dazu zu bringen, endlich zu kochen. Auf einmal steht der junge Mann neben mir.

Er greift mein Handgelenk.

Warum klingelt mein Handy nie dann, wenn ich’s mal brauchen könnte? Warum hab ich’s nicht in der Nähe, damit ich meiner Freundin unauffällig eine Paniknachricht schicken kann?

Er zieht mich an sich ran, umarmt mich und versucht, mich zu küssen. Ich starte ein, zwei ungeschickte Ausweichmanöver, aber irgendwie landen seine Lippen doch in meinem Gesicht. Und dann auf meinem Hals.

Kennt Ihr diese eklige Gänsehaut, die sich über dem gesamten Körper ausbreitet, wenn Euch etwas anwidert?

In der Sekunde ist der Kaffee fertig. Amen!

Ich drücke ihm seine Tasse in die Hand und geh‘ an ihm vorbei auf den Balkon. Da würden wenigstens die Nachbarn wach, falls ich doch noch laut schreien müsste.

Während wir den Kaffee trinken, verwickelt er mich in eine „Warum-Weil-Diskussion“. -„Warum willst Du nicht, dass ich Dich umarme?“ -„Weil, ich das nicht möchte.“ -„Warum darf ich Dich nicht küssen?“ – „Weil ich das nicht möchte! Reicht das nicht als Grund?“

Daraufhin sagt er knallhart: „Und ich habe am Donnerstag schon meinem Bruder erzählt, dass ich endlich eine Freundin gefunden hab.“

WHUT???

Ich starre ihn ungläubig an und kann mir das Lachen nicht verkneifen. „Entschuldige mal, Du kennst mich doch gar nicht!“

Nach einer weiteren Warum-Weil-Runde, die sich nur im Kreis dreht, und einem „Ich hatte nicht die Absicht, Dich nur ins Bett zukriegen“ (NIEMAAALS! Wie käm‘ ich drauf!) beschließt er, dass er jetzt besser geht.

Eine bessere Nachricht hab ich den ganzen Tag noch nicht erhalten!

Als er zur Tür raus ist, schüttelt’s mich erstmal und ich fühle mich … ja, wirklich … schmutzig. Ich habe das Gefühl, sein Parfüm hängt überall in der Luft und an mir. Also, Klamotten in die Schmutzwäsche und ab unter die Dusche. Die Haare hab ich gleich zwei Mal gewaschen, weil sie nach dem ersten Mal noch immer nach ihm rochen.

Wow!

Und dann fragen meinen Freundinnen am nächsten Tag, wie mein Date war …

 

Vielen dank für diese unglaubliche Geschichte liebe Julia. Wer mehr von ihr lesen möchte kann das unter  https://italienundich.com tun.

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