Der Typ mit dem Spickzettel

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Es war Oktober letzten Jahres, es war kalt und ich war so was von Single. Das war jedoch kein Zustand, unter dem ich zu leiden hatte. Ganz im Gegenteil, ich genoss mein Singleleben in vollen Zügen und wollte es auch noch nicht so schnell aufgeben.
Doch dann lernte ich auf einer Exkursion einen Kerl kennen. Er gefiel mir eigentlich recht gut, er war attraktiv und hatte einen interessanten Beruf – nämlich denselben wie ich. Als wir wieder daheim angekommen waren, dauerte es nicht lange, bis er mich über Facebook nach einem Date fragte. Ich dachte mir nur: Warum nicht? Schließlich haben Journalisten meist ein paar interessante Geschichten auf Lager. Wir schrieben noch ein bisschen und es versprach, ein ganz lustiger Abend zu werden.

Bis dieser Abend dann tatsächlich kam. Wir trafen uns auf einen Cocktail in der Altstadt und er wartete bereits auf mich. Er kam auf mich zu und begrüßte mich mit einem Küsschen. Dann sagte er: „Tja, hast du also her gefunden, was? Kluges Mädchen!“
Tja. Wir trafen uns mitten im Stadtzentrum von Innsbruck beim Goldenen Dachl – dort findet sogar ein Blinder hin. Ich versuchte, mir den ersten Eindruck von dieser Bemerkung nicht vermiesen zu lassen, und tat es mit einem Lächeln ab.

Wir wechselten noch ein paar Worte, wobei mir auffiel, dass er extrem unsicher war. Normalerweise macht mir ein bisschen Schüchternheit nichts aus, im Gegenteil, meistens finde ich das sogar ganz süß. Aber der Kerl hatte so einen Stock im Arsch, dass ich dringend einen Drink brauchte, um den Abend zu überstehen.
Wir gingen gleich in eine Bar und ich überredete ihn dazu, etwas Alkoholisches zu bestellen. Beim Hinsetzen war der Stock in seinem Hintern nämlich offensichtlich noch ein wenig weiter hinein gerutscht. Vielleicht konnte ein Cocktail seine Nervosität etwas lindern.

Wir saßen uns gegenüber und schwiegen uns erst mal eine Weile an. Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her und schien sein Handy aus der Hosentasche zu ziehen.
„Und, was hast du so für Hobbies?“, fragte er dann ganz plötzlich wie aus der Pistole geschossen.

Ich begann, ein wenig zu erzählen und versuchte, ihn auch mit ein paar Fragen aus der Reserve zu locken, doch kurz bevor ein nettes Gespräch entstehen konnte, wechselte er das Thema und fragte mich nach meinem Beruf. Irgendwann kam ich dann auf Berlin zu sprechen und er meinte: „Ah, du magst Berlin? Ich hab da mal gewohnt!“
Das war, zusammen mit dem äußerst starken Cocktail, einer der Hoffnungsschimmer des Abends. Da konnte ich anknüpfen.

„Und, wie hat es dir dort gefallen?“, fragte ich.
„Gut“, antwortete er. Stille. Ich trank noch einen großen Schluck und hörte, wie er sich räusperte. „Hmm… Aber mir haben dort irgendwie die Berge gefehlt.“
Auf diesen Satz habe ich gewartet. So ziemlich jeder Innsbrucker sagt irgendwann, dass ihm woanders die Berge fehlen.
„In Berlin gibt’s doch Berge“, sagte ich. Er sah mich verwirrt an. „Naja, Kreuzberg, Schöneberg und Prenzlauer Berg.“
„Du weißt aber, dass das eigentlich keine Berge sind, sondern Stadtteile?“, fragte er. Ich suchte verzweifelt sein Gesicht nach Spuren von Ironie ab, doch ich fand keine. „Weil ein Berg muss ja eine gewisse Höhe haben, um als Berg durchzugehen und ich fürchte, Prenzlauer Berg liegt nicht höher über dem Meeresspiegel als Mitte.“
Tja. Mein Versuch, die Stimmung ein wenig aufzulockern, war wohl an ihm abgeprallt. Er sah nochmal auf seine Hände, die seit Beginn unseres Dates in seinem Schoß lagen.
„Magst du lieber Hunde oder Katzen?“, fragte er.
„Hunde“, antwortete ich und war etwas verwirrt über den plötzlichen Themenwechsel. „Und du?“
„Ich bin Allergiker“, sagte er und rückte seine Brille zurecht. Klar war er Allergiker. Besonders allergisch war er gegen Gespräche. Er sah wieder auf seinen Schoß.
„Wie sieht’s mit Musik aus? Welche Bands magst du so?“, fragte er. Ich kam mir vor wie bei einem Kreuzverhör. Nachdem ich die Frage beantwortet hatte – eine Gegenfrage hatte ich nicht gestellt, wahrscheinlich war er eh auch gegen Musik allergisch – entschuldigte ich mich kurz und ging aufs Klo.
Ich schrieb einer Freundin, dass sie mich bitte in ein paar Minuten anrufen und mich mit einer Ausrede von dem Date weglocken solle. Ich blieb so lange wie möglich auf der Toilette und überlegte, wie ich am besten aus der Sache rauskam.
Schließlich machte ich mich doch wieder auf den Weg zurück. Er saß mit dem Rücken zur Klotür und ich sah, dass er hektisch etwas auf einem Zettel durchstrich und neue Punkte hinzufügte. Ich kam langsam näher, bis ich lesen konnte, was darauf stand – und mir fielen fast die Augen raus.
Ungefähr so sah der Zettel aus:

Gesprächsthemen
Hobbies
Beruf
Hunde/Katzen?
Musik
Bücher
Essen
Wetter (nur im Notfall)
Sinn des Lebens (erst später am Abend)

Ich wusste echt nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, als ich diese Liste sah. Nun konnte ich mir zumindest die seltsamen Themenwechsel erklären.
Da ich ja kein von Natur aus gemeiner Mensch bin, tat ich so, als hätte ich nichts gesehen – nicht einmal, als er die Liste mit ungeschickten Bewegungen hektisch in seiner Tasche verstaute.

Ich wartete sehnsüchtig auf den Anruf meiner Freundin, der zum Glück bald kam.
„Du musst schnell kommen!“, kreischte sie ins Telefon. Es war unmöglich, dass er das nicht hörte. „Mein… äh… Hund hatte einen Schlaganfall!“
Bevor er fragen konnte, ob Hunde überhaupt einen Schlaganfall bekommen können, legte ich ihm das Geld auf den Tisch, damit ich ihm nichts schuldig war, und verabschiedete mich hektisch von ihm.

Da er dann aber wirklich total lieb war und mich noch zum Auto begleitete und ständig fragte, ob er etwas für den Hund tun könne, bekam ich fast ein schlechtes Gewissen. Auch als ich ihm absagen musste, als er mich um ein zweites Date fragte, tat es mir leid. Immerhin hatte er noch nicht alle Punkte auf der Liste abgehakt. Aber wenn ein Typ schon einen Spickzettel braucht, um sich mit mir zu unterhalten… Tja, da blieb ich lieber Single.
Die Lektionen, die ich aus diesem Date gelernt habe, waren folgende:
Nie wieder Checklisten machen!

Auf keinen Fall jemanden daten, den man danach in der Redaktion treffen könnte.
Wenn man den Kerl dann doch in der Redaktion trifft – nicht am Klo verstecken. Uncool!

 

Vielen Dank der lieben Julia für diesen Gastbeitrag. Wer mehr von ihr lesen möchte kann das auf ihrem Blog https://diemitdemrotenlippenstift.com tun.

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