Warum Tinder nicht die Revolution ist, auf die wir gewartet haben!

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Als Mann ist es mit der Liebe relativ einfach.
Zumindest im ersten Moment.
Frau, hübsch, nett, gebildet, ähnliche Interessen, ein bisschen plaudern, ein bisschen lachen, ein DVD Abend. Zack Bumm. Relationship.
So, oder so ähnlich funktionierte das die letzten Jahre bei mir. Man sieht jemanden, man lernt sich kennen, man lernt sich lieben. Eine Beziehung, die auf einer eigenen Geschichte mit eigenem Charakter aufbaut ist einerseits sehr natürlich, andererseits die Basis für eine gute, andauernde Beziehung.

Heute tindert Mann.

Tinder, stellvertretend für alle ähnlichen Fast-Food-Love-Apps, ist der frontale, direkte Weg durch das Schaufenster hinein in den Frauensupermarkt. Zumindest suggeriert einem das die Werbung und die App selbst: Einmal links, zwei mal rechts, hoffentlich ein Match.

Aber was matche ich da eigentlich genau?

Das Prinzip ist ja, dass beide ein „Ja“ für das Bild des Anderen geben müssen. Allein für das Bild. Man kann zwar weitere Angaben machen, aber Tinder ist keine App mit der man sich stundenlang beschäftigt. Also liest auch keiner deinen tollen Spruch im Profil, oder deine super spannenden Hobbies. Das Interesse gilt dem Optischen. Liebe heruntergebrochen auf Klischees.

Tinder ist die Liebes des 21ten Jahrhunderts und umgekehrt. Das Leben wird schneller, vielfältiger und gewaltiger. Karrieren, Jobs, Freizeit, Technik. Alles wird größer und komplizierter. Man sehnt sich nach Einfachheit. Doch was kann man vereinfachen?

Die Liebe ist nicht einfach, aber man kann sie reduzieren auf das, für was man es hält: Optik und Sex. Tinder ist keine App, die die große Liebe verspricht. Also eigentlich tut sie das schon, aber jeder der nicht nur Backhendlsalat im Kopf hat merkt nach fünf Minuten worum es eigentlich geht.

Tinder funktioniert wie ein Supermarkt. Nur für das andere Geschlecht. Oder das eigene, wenn man darauf steht. Man schubst Bilder nach Links, andere nach Rechts. Wenige hundertstel Sekunden entscheiden ob man das Bild gut findet oder nicht. In dieser Geschwindigkeit wischt man bis zu 100 Bilder pro Minute in das virtuelle Nichts. Das Runterbrechen der Liebe auf ein einfaches Level um einer komplizierten, schnelllebigen Welt zu entgehen erreicht man dadurch, das Universum der Liebe noch schneller zu machen.

Die Liebe soll so schnell wie möglich passieren, am Besten so einfach wie möglich. Als würde man mit Schallgeschwindigkeit durch die Schallmauer der Qual einer Wahl sausen und völlig ignorieren, was man früher über Liebe gelernt hat.

Was habe ich über Liebe denn gelernt?

Liebe wächst. Und sie wächst nicht bodennah, sondern gen Himmel. Dafür braucht sie viel Arbeit, Stabilität, Vertrauen und Zuneigung. Wer Liebe erzwingt, der wird bereits in jungem Alter feststellen, dass das nur zu Gekicher in der Mädchengruppe dahinten führen wird.

Irgendwann, und ich behaupte es kommt der Tag bei jedem irgendwann, findet man das Match seiner Träume. Augenscheinlich. Denn besonders hübsche Frauen und hübsche Männer können sich vor Matches nicht retten. Desto sexueller, desto besser. Schnell wird versucht auf WhatsApp umzusteigen. Technisch ist die App nämlich eine Zumutung. Von WhatsApp geht es in die nächste Bar und von dort aus ins Bett. Dann wieder nach Hause.

Einige Frauen habe ich getroffen, einige sind genau den beschriebenen Weg gegangen. Doch sie kamen aus dem Nichts und gingen wieder ins Nichts. Von Tinder zurück zu Tinder.
Diese Illusion von Liebe und Nähe, die die innere Leere und Einsamkeit füllen soll, ist so fadenscheinig zu einem selbst argumentiert, dass man sie fast glauben muss. Irgendwo zwischen Liebesmülldeponien und seelischen Titanicwracks trifft man kaum etwas Sinnvolles.

Doch jedes Date, jedes Treffen stumpft ab. Hat man beim ersten mal noch Herzklopfen, weil man nach langen WhatsApp-Sessions und Bilderaustausch bereits eine gewisse Erwartung hat, wird später einfach nur überlegt wie der einfachste Weg zur Befriedigung ist. Wie eine Maschine werden Dates abgearbeitet – und ausgemacht werden sie nur, wenn sie bereits eine potentielle Chance auf Sex haben.

Beziehungsunfähig?

Ich würde mich als psychisch sehr stabile Person beschreiben, die zwar in der Stimmung schwingt wie eine Triangel, aber klare Ziele und Pläne vor Augen hat.
Doch die Frauen die ich getroffen habe waren sozial am Ende. Menschen, die in der Liebe so gebrochen sind und sich irgendwas mehrwertiges von einem Tindertreffen erwarten. Eine Chance, ihr verkapptes Liebesleben zu retten und irgendwelche eingeredeten Narben zu schließen. Oder wenigstens sanft mit Bepanthen einzuschmieren.

Sex gab es im Endeffekt fast immer. Selbst dann, wenn bereits vorher und auch noch während des Treffens mehr oder minder klar gemacht wurde, dass man das ja keinesfalls beim ersten Mal mache. Klar, es wird nicht gefickt am ersten Date, aber in irgendeiner schäbigen Bar mit einem Unbekannten trifft man sich gerne.
Ich bin nicht sicher, ob ich es länger noch hätte machen können. Der Frauensupermarkt klingt wie ein Paradies. Billig an Sex kommen höre ich oft von Bekannten, die heute noch tindern. Doch es ist wie mit dem Lebensmittelmarkt: Es ist schön, dass wir so eine große Auswahl haben, aber eigentlich haben wir ja keinen Bock einkaufen zu gehen.

Tinder bricht die Liebe so dermaßen runter, das man auch als Mann vor der Frage steht, ob es denn genau das ist was man will: Psychisch kaputte Menschen dabei helfen, Narben zu flicken und Psychohygiene zu betrieben, nur um dann mit einer heulenden Myrte Sex zu haben?

Sind wir also in einer Welt angekommen, in der „beziehungsunfähig“ so viel zählt wie ein Arschgeweih und es keiner sein will, dennoch aber irgendwie immer hinschaut wenn er es sieht? Ist Liebe zur Ware verkommen, die es nur umsonst geben sollte?

Sind wir wirklich so kaputt gegangen in den letzten 20 Jahren, dass wir Arbeit, Mühe und Zuneigung scheuen damit wir etwas Beständiges erhalten?
Ich glaube nicht. Ein hoch auf die klassische Liebe. Tinder mag unsere Dörfer niederbrennen, aber unsere Städte bleiben.

Vielen Dank für diesen Gastbeitrag von Florian von http://www.reisedichzusammen.at

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4 Kommentare

  1. Toller Beitrag! Ich war selbst nie auf Tinder, weil ich immer Angst hatte, dass mich da jemand sieht, der mich kennt 😀 und andererseits auch deshalb, weil ich ne Beziehung wollte und keine neue Bettgeschichte. Aber gut zu wissen, dass das System hier funktioniert. Besonders gut hat mir die Erwähnung von Backhendlsalat gefallen – ich liebe Backhendlsalat 😀

    1. Liebe Criticalpixie,

      Dein Kommentar bedeutet mir besonders viel, schätze ich deine Schreibe auch sehr – wenngleich dein Blog nicht so meinen Geschmack von der Thematik her trifft.

      Danke für die Blumen meine Lieben! :)

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